Taijiquan – ein Geschenk des Himmels?

Ein Teil des Taijiquan ist nach meinen Beobachtungen, dass es Vielen irgendwann zum unentrinnbaren Drang wird, das Erlebte (mit-) zu teilen. Nur, dass das Erlebte so schwer mitteilbar ist. Wir erklärt man dem Blinden die Farbe? Das erscheint mir übrigens noch vergleichsweise einfach. Die gemachten Erfahrungen im Taijiquan sind zu bereichernd, zu schön und beglückend, als dass ich sie für mich behalten könnte. Nur, wie das Unerklärliche erklären? Ich bin sicher, ich könnte hier einen ganzen Roman schreiben, ohne dass es mir auch nur annähernd gelänge, das zu transportieren, was ich im Taijiquan erlebe. Seit Jahren laufe ich nur noch in Begleitung meines Fotoapparats durchs Leben, immer auf der Suche nach Bildern, die zumindest in Teilen beschreiben können, wofür meine Worte nicht ausreichen. Es ist genauso zum Scheitern verurteilt: Ich weiß es, kann es aber nicht lassen. Langsam entwickelt sich bei mir ein Verständnis, eine Idee, warum Menschen, die Taijiquan üben, häufig auch anderen Künsten zugetan sind. Dichtung, Malerei, Kalligraphie, Chinesische Medizin und Feng Shui sind uns geläufig, vielleicht sind es heute Fotografie, Videofilme, Bildhauerei, Homöopthie oder Architektur. Ich glaube, es ist die Suche nach einem Weg, nach einer Möglichkeit, die Erfahrungen anderen kund zu tun. Ja, kund tun, nicht erzählen, beschreiben, berichten, benennen. Es ist verkünden, kund geben, bekunden. Es beinhaltet Demonstrieren, Bekanntmachung, Sachverstand, Gewissheit. Und Können. Um einen kurzen Eindruck zu geben, was ich in Worten nicht auszudrücken vermag: f (Taijiquan) = Σ {Leichtigkeit, Freude, Lebendigkeit, Akzeptanz, Ergänzung, Harmonie, Kontakt, Verbindung, Austausch, Offenheit, Wärme, Verschmelzen, Demut, Sicherheit, Beweglichkeit, Verletzlichkeit, Stärke, Veränderung, Kontinuität, ich – du – wir – in einem Augenblick, Glück, Glückseligkeit, Dankbarkeit, Vollkommenheit; ∞} (*NatürlichistdieFormelmathematischkompletterUnsinn*) Oder (ohne mathematische Symbole): Taijiquan ist für mich die Summe aller genannten Substantive in ihrer unendlichen Vielzahl von Ausprägungen. Oder wie eine Übungspartnerin so treffend sagte: „Ich war fassungslos, wie schön das ist.“ Alles klar? Dann ist Taijiquan also ein Geschenk des Himmels? Ja und Nein, die Hölle gibt es gratis dazu. Denn das Üben ist oft auch so mühselig. Unglaublich schmerzhaft (anfangs körperlich, später psychisch oder seelisch). Es sind viele kleine Tode zu sterben. Der Frust, dass die Umsetzung zum wiederholten Male nicht so funktioniert, wie ich es mir vorstelle. Der Frust über den Frust. Der Wunsch nach Änderung, der so banal und doch so kompliziert ist. Das Erkennen der eigenen Macken und Marotten. Das begreifen, dass, wenn es eine Hölle gibt, sie gerade hier und jetzt ist. In mir, aus mir, durch mich, und ich es immer noch nicht lassen kann, mich selbst zu quälen. Nein, nicht mit Taijiquan, mit dem Rest. Dennoch, ich möchte es nicht missen, nicht eine Minute. Wer die „himmlischen“ Gefühle einmal erlebt hat, wird damit nicht mehr aufhören wollen. Es ist wie eine Sucht: Eine Sehn-Sucht es wieder und wieder zu erleben.

3 Gedanken zu „Taijiquan – ein Geschenk des Himmels?

      1. Katrin Beitragsautor

        Danke für den Hinweis. Da scheint ja eine gewisse Einigkeit zu bestehen.
        Aber was loslassen – und wie?

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