Schein und Sein und Taijiquan

Da ich regelmäßig Facebook verwende, gelangen dort auch immer wieder Filmaufnahmen von Taijiquan-Praktizierenden in mein Blickfeld. Was wird dort eigentlich gezeigt, ist es Schein oder Sein („echtes“ Taiji)? Ist da überhaupt eine Beurteilung möglich?

Entgegen meiner Gewohnheit habe ich mich dazu hinreißen lassen, ein Video ( dieses ) in Facebook wie folgt zu kommentieren: „Sieht für mich aus wie Wrestling oder Stierkampf, nicht wie Taijiquan.“

Facebook-Konversation klein

Was mich an diesem Film massiv stört, ist folgendes: Es ist für mich überhaupt nicht erkennbar, was es darstellen soll. Einen Wettstreit? Ein Lehrfilm? Eine Urlaubserinnerung? Nun gibt der Mensch, dem wir dieses Video verdanken, selbst noch einige Hinweise im Text. Leider bleiben mir Sinn und Zweck des Films dennoch unklar, denn auch in den Erläuterungen verstehe ich nicht zweifelsfrei, ob es sich um einen sehr fröhlichen Menschen handelt oder ob seine Ambitionen nicht ganz ernst gemeint sind („hahahahahahaha“).

Die Handlung soll gemäß der Überschrift „Walking The Corridor Called Push Hand.“ ein Zusammenspiel von Push-Hands darstellen. Im chinesischen heißen sie Tui Shou (fühlende Hände). Push-Hands werden gerne mit „schiebende“ Hände übersetzt, der Ausdruck „pushing“ (stoßen) ist gänzlich irreführend, aber leider mittlerweile Tradition. Es ist eine Szene in einem Park und im Hintergrund sind weitere Menschen zu sehen, die mit einem Schwert Bewegungen üben, möglicherweise eine Schwertform.  Asiaten im Park sind für uns immer ein sicheres Indiz für Taijiquan. Beweist das nun aber, dass auch die Handlung im Vordergrund Taijiquan darstellt? Benutzen wir doch einmal die Phantasie: Man nehme das gezeigte Verhalten der beiden Männer und verschiebe die Szene in eine nächtliche, schummerige Kneipenwelt mit herumstehenden grölenden Zuschauern. Wonach sieht das dann aus?

Zurück zum Film:
Hypothese 1: Es könnte sich um sogenanntes „freies Push-Hands“ handeln. Dann sollten meiner Ansicht nach beide Beteiligten die Prinzipien des Taijiquan berücksichtigen.
Hypothese 2: Es könnte sich auch um eine Art Demonstration der Fähigkeiten von einem der beiden handeln. Dann wäre denkbar, dass der Angreifer „normal“ agiert und nur der Angegriffene die Taiji-Prinzipien anwendet.

Ich sehe zwei Männer, die von der Körpersprache auf mich tendenziell aggressiv wirken, insbesondere der junge Angreifer (dunkelhaarig), der den Kopf wie ein Stier senkt und sich gegen den anderen stemmt und schiebt (push!). Das scheint mir kein entspanntes Handeln zu sein, weder muskulär noch geistig. Demnach wäre Hypothese 2 zutreffend. Sicher bin ich mir aber nicht. Also, was ist nun mit diesem Film, was soll er sein?  Ganz ehrlich? Ich habe KEINE AHNUNG. Kann ich trotzdem etwas davon lernen? JA!

Beide Männer lehnen sich sehr weit nach vorne. Die Haltung ist für mich befremdlich, aber es soll sich laut Textangabe wohl um einen aus dem Wu-Stil abgeleiteten Taiji-Stil handeln. Der sieht nun mal anders aus als der Yang-Stil. Die beiden lehnen allerdings so weit vor, dass ich zu gerne wüsste, ob sie ihr Gleichgewicht noch selbst halten können (Taiji) oder sich gegenseitig (ab-)stützen (kein Taiji). Ganz am Ende des Films geht der Jüngere weg und der Ältere macht noch einige Schritte in seine Richtung. Nein, das wirkt auf mich nicht ausbalanciert.

Beantworte ich Druck mit Gegendruck? Das wäre YANG gegen YANG, kein Taiji. Wenn mein Gegner sich vorlehnt, sollte ich ihm nicht die Richtung versperren, das Fallen erledigt er dann allein.

Verräterisch finde ich auch am Ende des Films, dass der junge Angreifer sichtlich verschwitzt und am Keuchen und Japsen ist. Ja, nee, ist klar, Hitze und Luftfeuchtigkeit. Nach meiner Erfahrungen strengt Taijiquan nicht an. Im Gegenteil, es ist Entspannung, auch im Tui Shou. Oder sollte es sein.

Bin ich durchgehend so entspannt, wie ich sein könnte? Strenge ich mich unnötig an? Wo kann ich noch mehr Anspannungen loslassen?

Angenommen dieser jüngere Mann „testet“ den grauhaarigen Herrn. Dann stellt sich mir die Frage, warum dieser dem jungen Mann erlaubt, sich so beharrlich an seinem Körper abzuarbeiten. Keine Fliege und keine Feder kann hinzugefügt werden, steht in den klassischen Schriften und hier ist wahrlich ein Stier am Werk.

Handele ich selbst schlauer, wie steht es um mein Timing? Gebe ich meinem Gegner zu viel Angriffsfläche?

Anhand des Films kann ich mich also fragen, ob das, was ich sehe, mit meinem Verständnis der Taiji-Prinzipien übereinstimmt. Die Antwort lautet in diesem konkreten Fall: Naja, hm, eher wenig. Es tendiert gegen Null. Aber das kann natürlich an mir liegen, meiner subjektiven optischen (und akustischen) Wahrnehmung.

Das Bild oben über dem Beitrag zeigt übrigens NICHT eine Person, die sich nach vorne an eine Skulptur anlehnt. Die Person steht etwa einen Meter davon entfernt und neigt ihren Kopf, um ein dort liegendes Blatt Papier zu lesen. Optische Eindrücke können schnell täuschen.

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