„Können“ im Taijiquan

Das „Können“ im Taijiquan ist so eine Sache für sich. Vor einiger Zeit erntete ich erstaunte Blicke, als ich sagte, dass ich wieder zu einem Workshop mit Wee Kee Jin fahren wolle: „Das machst Du doch schon so lange. Ich dachte, Du kannst Taijiquan? Du unterrichtest doch auch selbst! Was musst Du denn da noch lernen?“

Mythen und Märchen im Taijiquan

Beim Taijiquan wird manchmal behauptet, es brauche mehrere Leben, um es wirklich zu „Können“. Ich denke, dass diese Behauptung in den Bereich der Mythen und Märchen gehört. Chinesen haben ein Faible für so etwas. Wichtigtuer auch. Allerdings ist manch Taijiquan-Unterricht sicher geeignet, dieses Märchen wahr werden zu lassen. Wird nicht erklärt, warum etwas wie geübt wird, wozu etwas taugt oder auch nicht, dann bleibt ein Großteil im wabernden Nebel der Unwissenheit. Unwissenheit wird dann mit Lichtsäulenesoterik kaschiert und irgendwann wabert der Nebel um heilige Berge. Von Erleuchtung keine Spur.

„Es gibt keine Geheimnisse“ heißt es im gleichnamigen Buch von Cheng Man Ching. Diesen Satz lohnt es, sich zu merken. Insbesondere, wenn wir im Taijiquan mal wieder etwas (noch) NICHT erklären können. Wir tun gut daran uns ab und zu daran zu erinnern, dass viele, wenn nicht gar sehr viele Dinge unseres Alltags von uns ebenfalls nicht erklärt werden können (oder habe ich etwa Leser, die mir spontan die Existenz und Herkunft fluoreszierender Schafe erklären können?). Themen, mit denen wir uns noch nicht oder nur wenig beschäftigt haben, bergen eben „Geheimnisse“. Zeit sie zu lüften.

Forscher und Forschungsobjekt

Lange habe ich mich gefragt, was für mich den Reiz des Taijiquan ausmacht. Wie kommt es, dass ich mich damit so lange und ausgiebig befassen kann? Zumal ich kein Raufbold bin, der dringend Kampffähigkeiten erlernen muss. Nein, es ist das Forschen. Ich erforsche mich selbst. Das ist kolossal praktisch, weil ich mich ja immer dabei habe. Gerade dieser Umstand führt zu dem weit verbreiteten Irrglauben, wir wüssten etwas über uns. Tatsächlich erzählen wir uns aber nur Geschichten über das, was wir glauben zu sein.

Taijiquan ist für mich so reizvoll, weil es für mich eine Referenz darstellt. Die Form ist das Forschungslabor in dem ich sowohl Forscher als auch Forschungsobjekt bin. Durch die bis ins Detail vorgegebenen Bewegungen, die wieder und wieder ausgeführt werden, ist es mir möglich, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Ceteris paribus, unter gleichbleibenden Bedingungen.

Was und wie viele bin ich? Und kann ich irgendwas?

Was ich auf jeden Fall inzwischen kann: Ich kann mich wahrnehmen, mich fühlen. Sowohl An-, und Verspannung als auch Entspannung. Deutlich besser als noch vor Jahren. Ich habe viel darüber gelernt, was ich tue und was ich nicht tue. Es ist unglaublich, wie wenig Menschen normalerweise von dem eigenen Tun überhaupt zur Kenntnis nehmen. Wahrnehmungen werden überwiegend selektiert und durch Glauben ersetzt. DAS ist kein Märchen.

Als Anfänger des Taijiquan hatte ich oft den Eindruck, ein Oktopus zu sein. Da waren, wenn die Bewegungen neu waren, viel mehr Arme und Beine als ich in dem Moment gebrauchen konnte, also mindestens 8. Interessanterweise hat sich dieses Gefühl nicht nur verloren, es ist im Laufe der Jahre geradezu in das Gegenteil umgeschlagen. Mit Erstaunen habe ich erst kürzlich festgestellt, dass ich ZWEI Beine habe. Wahrnehmung hatte ich längere Zeit nur für eines (das mit dem Schmerz).

Was will ich denn eigentlich „Können“, wenn ich Taijiquan kann? Kämpfen konnte ich schon ehe ich Taijiquan lernte. Wir alle können kämpfen: Wir kämpfen um bessere Bedingungen auf jedem Gebiet, kämpfen mit dem Schlaf, dem Gewicht, gegen Krankheiten und, und, und. Ob „gesund sein“ ein „Können“ ist? Die Gesundheit wird immer wieder als Beweggrund für das Erlernen genannt. Oder ist Entspannung ein „Können“?

Geht es nicht viel mehr um das SEIN als das TUN?

Können und Entdecken

Es geht also für mich nur am Rande um ein irgendwie geartetes „Können“. Es geht mir um Entdeckungen und folglich ist für mich das Zusammentreffen mit anderen Taijiquan-Praktizierenden weniger Unterricht im Sinne einer Vorlesung, in der konkretes Wissen vermittelt wird. Ich betrachte es eher als Kongress, bei dem sich Forscher aus unterschiedlichen Forschungsgebieten über ihre Vorgehensweise, Erkenntnisse und Fragestellungen austauschen.

Mein Lehrer „forscht“, auch Dank seines höheren Lebensalters, schon einige Jahrzehnte länger an sich. Vermutlich erreicht er dabei Bereiche, deren Existenz in meiner Wahrnehmung noch gar nicht vorkommen. Natürlich habe ich im Rücken die gleichen Muskeln wie er. Nur fühlen kann ich sie noch nicht. Die Entwicklung und Verfeinerung von Jins Taijiquan weiter zu verfolgen, ist Inspiration und Ansporn für meine eigenen Forschungen. Darum lohnt es sich für mich auch weiterhin an seinen Workshops teilzunehmen.

 

Ein Gedanke zu „„Können“ im Taijiquan

  1. Christiane Greiffenhagen-Heinl

    liebe Katrin, du sprichst mir aus der Anfängerseele. Gestern z.B. hatte ich zeitweilig gefühlte 5 Beine (eines davon mit kleinen Schmerzchen), 3 Arme und überhaupt keinen Bauch …

    ganz liebe Grüße aus Berlin schickt Christiane

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