Farewell Taijiquan in Plankstetten

Am Sonntag ist es soweit: das (vorerst?) letzte mal Taijiquan mit Wee Kee Jin  in Plankstetten. Da kommt schon etwas Wehmut auf. Fast. Seit ich im Frühjahr 2010 das erste Mal in Plankstetten war, habe ich dort so einiges ausprobiert. Teilweise auch unfreiwillig.

Taijiquan-Albtraum der Stufen

Mein erstes Interesse richtete sich in den ersten Tagen der Umgehung der Treppen zur Turnhalle. Ehrlich gesagt war es notwendig sie – wie auch immer – zu umgehen, weil meine Beinmuskulatur damals so furchtbar weh tat, dass jede Stufe eine Qual war. Es gibt reichlich Treppenstufen in Plankstetten.

Wann immer ich jammerte, lächelten die anderen wissend: Es dauert, bis man die überflüssigen Spannungen loslassen kann. Bis dahin quält man sich. Selbst (wer lässt denn nicht los?). Gründlich.

Aber irgendwann hatte ich dann wenigstens heraus, wie ich durch die unterschiedlichen Gebäudeteile gehen musste, um die Anzahl der Stufen zu minimieren. Allerdings ist der einzige vorhandene Fahrstuhl so unglaublich langsam, dass ich dort im Stehen zusammenbrechen wollte. Das lag aber vielleicht auch am Schlafmangel.

Schlaflos in Plankstetten

Zu Plankstetten gehören für mich die schlaflosen Nächte, egal wie müde und kaputt ich nach dem Training bin. Nun sind die Betten dort im noch nicht renovierten Trakt auch mindestens so alt wie ich und entsprechen nicht meinen Idealvorstellungen. Dann gibt es noch ungewohnte, recht laute Störgeräusche von den Glocken und deren Mechanik. So erbat, erflehte ich gar mir bei der Lage des Zimmers Wünsche zu erfüllen: ein Zimmer abseits vom Glockenturm, oben im Dach, unten zur Turnhalle, hier, da, außerhalb des Klosters. Egal wo ich einquartiert wurde, ich blieb schlaflos.

Nächste Versuche: Abends im Bierkeller habe ich mich angeregt unterhalten oder bewusst darauf verzichtet, Bier mit oder ohne Alkohol getrunken, davor zum Abendbrot mehr oder weniger gegessen, nächtliche Spaziergänge gemacht… Es war wie verhext, mal ja, mal nein, nichts reproduzierbar.

Entnervt nahm ich mir eine Unterkunft außerhalb des Klosters, weit weg von Glocken und mit jüngeren Betten – doch letztlich blieb alles ohne erkennbaren Zusammenhang mit dem Schlaf. Mehrere Teilnehmer haben mir von ähnlichen Erfahrungen erzählt.

Inzwischen habe ich für mich herausgefunden, dass mein Nicht-Schlafen vermutlich auf den vielen Eindrücken beim Taijiquan beruht, auch wortwörtlich. Der vielfältige und intensive Kontakt (mit mir und in Push-Hands mit unterschiedlichen Partnern) bewegt und berührt mich. Ich nehme im Bett liegend wahr, wie meine innere Struktur noch arbeitet. So kann ich die Schlaflosigkeit inzwischen akzeptieren, wohne wieder im Kloster und habe die Ursachenforschung an den Nagel gehängt.

Jetzt mag ich auch diese Nächte, irgendwie. Es gibt übrigens weder Fernseher noch Internet dort, also sind die Stunden wirklich lang. Da habe ich mal richtig viel Zeit – für nichts. Lesen ist viel zu anstrengend. Denken auch. So liege ich im Dunkeln … und liege halt. Warte auf den ersten Glockenschlag. Relax and sink.

Denn natürlich trägt die ständige Übermüdung auch dazu bei, dass ich am nächsten Tag wieder mehr loslasse. Dadurch kommt wieder etwas in mir in Bewegung. Im Verlauf der Woche entwickelt sich so eine Art Teufelskreis . Ein himmlischer Teufelskreis, finde ich.

Tage in Plankstetten

Es ist schon von Vorteil,  dass ich mich in Plankstetten um nichts zu kümmern brauche, nur um das Taijiquan. Der Tagesablauf wird von Trainingsprogramm und Mahlzeiten bestimmt, die verbleibenden Stündchen fließen gleichförmig dahin. Über den Hof schlendern. Einen Kaffee trinken. Spazierengehen. Ein Nickerchen machen (hach, wäre das schön, wird aber meistens nichts). Oder ich stricke ein paar Maschen. Auch so kann man leben, sogar richtig gut.

Irgendwann geht es dann auch wieder, ohne erkennbaren Grund. Das heißt nicht, dass ich dann schlafen könnte, nein. Aber ich bin dann auch ohne Schlaf frisch und munter.  Heiter, gelassen und guter Dinge, wie aus dem Nichts. Das ist der Zustand, der glücklicherweise auch noch geraume Zeit nach dem Workshop anhält. Wie runderneuert, nur noch viel, viel besser.

Jetzt schlägt’s 13!

Vor jeder weiteren Woche in Plankstetten habe ich wieder gezweifelt und gehadert. Will ich mir das wirklich wieder antun? Das ist doch mein Urlaub! Mich wieder in diesen Prozess begeben? Ich wollte und will. Es ist nun das 13. Mal, dass ich mich auf den Weg nach Plankstetten mache. Vielleicht schlafe ich ja dieses Mal? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ich werde nie vergessen, wie ich nach der allerersten Woche in Plankstetten erstaunt feststellte, WIE gut ich mich fühlte. Geradezu sensationell. Nachdem ich anfangs mangels Schlaf und aufgrund schmerzender Beine meinte 10 Jahre zu altern, kam ich gefühlte 10 Jahre jünger nach Hause. Die heiter-gelassene Grundstimmung hielt noch lange, lange an, egal was passierte.

Plankstetten bleibt

Ob es nach diesem Workshop mit Wee Kee Jin dort wieder Taijiquan für mich geben wird oder nicht, egal: Plankstetten wird für mich ein wichtiger Bezugspunkt in meinem Leben bleiben. Ich habe dort vielleicht mehr über mich gelernt und erfahren, als an jedem anderen Ort. Vor allem, dass das Schlafproblem gar nichts mit Plankstetten zu tun hatte, sondern mit mir. Denn bei anderen Gelegenheiten habe ich inzwischen das gleiche erlebt, in anderen Städten und anderen Zusammenhängen.

Aber auch das unglaubliche Staunen, als meine Beine von ganz alleine gelaufen sind, bleibt unvergesslich. Unvergleichbar zu allen vorherigen Schritten bewegten sich die Beine unter mir, mühelos, auch auf der Treppe! Diesen Moment und viele, viele andere wunderbare Taiji-Momente werde ich gedanklich immer mit Plankstetten verbinden. Auch wenn es gar nichts damit zu tun hat.

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