Ist Taijiquan nun ein Kampfsport oder eine Kampfkunst? Und taugt es wirklich zum Kämpfen? Diese Frage ist Teil der Frage: „Was ist Taijiquan?“, die nicht nur mich wieder und wieder beschäftigt.
Martial Art, eine kämpferische Kunst. Der Begriff Kunst beschreibt, dass zum Ausüben einer Tätigkeit mehr gehört als Übung: Wissen, Weisheit, Kenntnis. Oh, ja, da stimme ich zu: Taijiquan will durchdrungen sein. Wird Taijiquan als Bewegungskunst tituliert, findet das breite Akzeptanz.
Doch ergeben sich aus dem Wort Kunst auch weitere Fragen: Ab wann „kann“ man denn Taijiquan? Und wie steht es um den Sport? In dieser Kategorie finden sich doch regelmäßig die Angebote der Volkshochschulen. Zurecht?
Kampfsport als vergnüglicher Zeitvertreib
Das Wort „Sport“ verdanken wir ursprünglich den Engländern und es hat einen erstaunlichen Sinneswandel hinter sich. Im 19. Jahrhundert bedeutete es Vergnügen, Zeitvertreib, Zerstreuung und Spiel. So gesehen passt das Wort Sport für mich ganz hervorragend zum Taijiquan und erklärt, warum ich es so gerne übe. Meine englischen Taijiquan-Freunde sagen „to play taiji“. Diese spielerische Komponente geht uns im Deutschen leider ab.
Inzwischen hat Sport jedoch die Bedeutung von planmäßiger Körperschulung und körperlicher Betätigung für Leistungssteigerung und Wettkampf. Daher bin ich stets hin und her gerissen, wenn Taijiquan als Sport bezeichnet wird. Planmäßige Körperschulung ist zutreffend, keine Frage. Leistung ist jedoch in unserem westlichen Denken regelmäßig mit Anstrengung und Geschwindigkeit verknüpft.
Entspannung und langsames Tempo zur Leistungssteigerung? Ja, einige wenige verstehen den Zusammenhang auf Anhieb. Doch für die Mehrheit ist das schwer verständlich. Wenn ich im Taijiquan schnelle Bewegungen lernen will, soll ich langsam üben?
Schnell ist langsam und langsam ist schnell.
Chinesisches Sprichwort
Wenn ich schnell rennen will, übe ich, indem ich schnell renne. Wenn ich weit springen will, springe ich so weit ich kann. Immer wieder. Und beim Taijiquan ist das jetzt anders?
Zu oft habe ich im Sportunterricht gehört: „Nun streng dich mal ordentlich an!“ Daher vermittelt das Wort Sport meiner Ansicht nach im Allgemeinen ein falsches Bild.
Hat „kämpfen können“ mit Kampfkunst zu tun?
Wann ist oder wird das Können zur Kunst? Der Begriff der Kunst ist für viele schwierig, wird doch oft erwartet, dass man Kunst mit Ehrfurcht gegenübertritt. Warum eigentlich?
Mit Kunst verbinden wir oft Althergebrachtes, Wertvolles, das vor dem Untergang oder Verfall bewahrt werden soll. Diese genannten Feld-Wald- und Wiesen-Kriterien machen den Umgang mit moderner Kunst auch so schwierig. Getreu der Frage: Ist das Kunst oder kann das weg?
Ich stelle gerne auch umgekehrt die Frage, ob Althergebrachtes, vermeintlich wertvolles (weil inzwischen rar) weg kann. Ich meine: Ja. Können wir bitte gleich mit Kopfsteinpflaster anfangen?
Für mich sind zwei Kriterien für Kunst entscheidend:
Erstens: Kunst muss mich berühren. Zugegeben, das ist äußerst subjektiv, aber ich denke, Kunst kann genau das auch vertragen. Subjektiv zu sein. Kunst liegt für mich nicht im Auge des Betrachters. Bei mir liegt sie in Empfindung, denn ich habe festgestellt, dass mich auch unglaublich Kitschiges oder Scheußliches berühren kann. Man muss es ja nicht sammeln. Für eine „objektivierte Kunst“ fehlt mir jegliche Vorstellung.
Das zweite Kriterium ist für mich – mit Abstrichen – eine gewisse Funktionalität. Es regt mich auf, wenn eine Teekanne zwar wunderschön getöpfert ist, aber bei jeder Benutzung dröppelt. Kann ich nicht leiden. Insofern kommt bei mir, in meiner Definition Kunst durchaus auch von Können.
Praktizieren wir im Taijiquan Kunst um der Kunst willen?
Sollte Kunst auch funktionalen Ansprüchen gerecht werden? Vielleicht muss sie das sogar? Mit anderen Worten: Eignet sich Taijiquan als eine Bewegungs-Kunst auch zum Kämpfen?
Was verstehen wir unter Kämpfen?
Wie steht es nun um das Kämpfen? Für einen Kampf, eine Zwei-Kampf, werden Personen benötigt, die unterschiedliche Ansichten vertreten. Sie streiten und der Streit wird körperlich ausgelebt. Für einen Kampf braucht es demnach einander widersprechende oder entgegengesetzte Meinungen, Richtungen, Bewegungen, …, was auch immer. Jedenfalls Uneinigkeit und Zwietracht. Das halte ich für essenziell.
Einverstanden? Nun, dann taugt Taijiquan nicht fürs Kämpfen. Denn oberstes Ziel des Taijiquan ist die (Wieder-)Herstellung von Harmonie.
Im Idealfall gelingt mir das unmittelbar und bereits im ersten Moment. Wenn der Andere hart ist, bin ich weich. Ich passe mich der Richtung des Anderen an, gehe eben nicht dagegen. Dieses Anpassen, das Nachgeben, das Eingehen auf den Anderen ist völlig ungeeignet, um sich anständig zu prügeln oder zu kämpfen. Es verdirbt die schönste Zwietracht.
Also ist Taijiquan ein Kampfsport, eine Kampfkunst ohne Kampf?
Zugegeben, das klingt paradox, doch so sehe ich es. Ich beschäftige mich intensiv mit Kampfhandlungen, um eben nicht (mehr) kämpfen zu müssen. Oder anders ausgedrückt beantwortet Taijiquan für mich die Frage: Wie kann ich weiterhin in Ruhe leben, wenn andere Menschen Konfliktbedürfnisse haben, die ich nicht teile?
Daher ist für mich Taijiquan in einem Wort weder Kampfsport noch Kampfkunst.
Es ist für mich eine Friedenshandlung.
Allen, denen es wichtig ist zu kämpfen, würde ich raten: Lernt boxen.
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