Taijiquan – bitte ernst nehmen!

Ich gebe zu, dass ich den leisen Verdacht hege, dass gerade diejenigen, die andauernd kämpfen wollen, das Taijiquan vielleicht selbst noch nicht richtig ernst nehmen. Ständig suchen sie nach Beweisen, dass es auch „richtig funktioniert“. Da scheinen noch entsprechende eigene Erfahrungen zu fehlen. Wenn ich in den letzten Jahren eines gelernt habe, dann ist es, Taijiquan ernst zu nehmen. Sehr ernst sogar.

Verstanden habe ich den Kampfaspekt als ich zu einem der Workshops bei Wee Kee Jin war. Die dauern in Plankstetten eine ganze Woche und sind für mich schon herausfordernd, körperlich wie emotional. Die vielen Informationen (er unterrichtet Englisch), vielen Anweisungen, die zu beachten und bedenken sind (ich will es ja auch „gut“ und „richtig“ machen), die vielen Menschen mit vielen weiteren Worten, vielen Fehlversuche – all das nagte irgendwann an mir. Entspannung kann furchtbar anstrengend sein!

Zumal Jin uns gerne reichlich Push-Hands üben lässt. In einem dieser Workshops war ich am Ende von … tja, ehrlich gesagt, am Ende von allem, irgendwie. Dann passierte es. Während ich meine Schritte setzte oder eher lustlos auf meine Füße plumpste, dachte ich: „Na und, dann kann ich dieses blöde Taijiquan eben nicht. Auch egal.“ Um anschließend mit tellergroßen Augen zu beobachten, wie mein Gegenüber akkurat wegflog. „Cool, war ich das gerade?“ Ungläubiges Staunen.

Was war passiert?

Ich hatte losgelassen. Unfreiwillig zwar, aber danach fragt niemand.

Bevor hier falsche Erwartungen oder Ideen aufkommen: Natürlich war es anschließend nicht gleich wiederholbar. Wenn ich die innere Haltung „dann eben nicht“ aufgebe und nehme die Haltung „Yippie, da geht was!“ ein, dann ändert sich alles, auch die Struktur des Körpers. Und nein, das habe ich auch nicht gleich verstanden, darüber habe ich lange nachgedacht. Manchmal hilft das. Noch mehr hilft es, darüber nachzufühlen.

Auch ich hatte jahrelang den Eindruck, die andauernde Wiederholung der Bewegungen brächte irgendwie nichts. Alles irgendwie Laienschauspielerei, pfft. Falsch gedacht! Da hat etwas in mir gefruchtet, so wie eine Physalis im Innern des Lampion versteckt. Heimlich, still und leise ist da etwas herangewachsen, ich stand mir nur mit meinem Wollen noch selbst im Wege.

„If you want it too much, you’ll never get it.“
Wee Kee Jin

Der Umstand, dass es gerade in dem Moment erstmals funktionierte, in dem ich nichts mehr wollte (und schon gar nicht vom Taijiquan), hat meine Sichtweise dramatisch verändert. Ich habe für mich erkannt, dass die Bewegungsabläufe vom Kopf in den Körper sickern müssen, so nenne ich es inzwischen. Die Bewegungsabläufe gehen über in Fleisch und Blut.

Wie ich etwas später feststellte, sind die Bewegungen irgendwann offenbar wirklich eingespeichert, auch im Alltag. Ich war mit einer Kollegin bei Glatteis unterwegs. Ich schlidderte und meine Begleitung beugte sich zum Boden, was mich irritierte. Drum fragte ich, warum sie das tue, schließlich wäre es hier furchtbar glatt. Meine nun sichtlich verwirrte Kollegin war überzeugt, mich fallen gesehen zu haben und wollte mir aufhelfen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau was geschah, mir ist jedenfalls nichts passiert. Ob die Bewegungsfolge im Ausrutschen und wieder auffangen vielleicht so schnell ging, dass ich es gar nicht registriert habe?

Tja, was lernen wir daraus? Richtig, im entscheidenden Moment hat keiner eine Kamera und filmt. Ich werde es also nicht mehr herausfinden.

Spaß beiseite: Wir sollten das Taijiquan bitte ernst nehmen und zwar selbst dann, wenn der Kampfaspekt gar nicht unterrichtet wird. Es besteht immer eine Restwahrscheinlichkeit, dass es auch „ohne Wissen“ funktioniert, einfach aus sich heraus. Wir unterschätzen gerne die Entwicklungen, die auch ohne jedes (bewusste) Zutun entstehen, weil wir alle irgendwie besessen sind von der Notwendigkeit des aktiven, bewussten Handelns. Ich gebe einfach mal das Nicht-Handeln zu bedenken, wu wei.

Daher stehe ich dem Taijiquan als reine Entspannungsmethode sehr kritisch gegenüber. Wir sollten wenigstens so ehrlich sein und den nichts-ahnend-zukünftig-Entspannten einen Beipackzettel über mögliche Risiken und Nebenwirkungen zukommen lassen. Ihnen sagen, dass sich da etwas entwickeln kann, womit sie vielleicht gar nicht rechnen. Es ist fahrlässig, diesen Teilbereich zu unterschlagen, sei es aus Desinteresse oder mangelndem Verständnis.

Denn: Wissen wir wirklich, was wir tun, wenn wir uns auf das Taijiquan einlassen?

Ich lasse die Frage mal offen und übergebe das Wort an den Geheimrat.

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort´ und Werke
Merkt ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.

[…]

Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.

aus: Der Zauberlehrling, Johann Wolfgang von Goethe

Ich glaube, das Taijiquan geht seine eigenen Wege, bei jedem Menschen ganz individuell. Nein, ich habe Taijiquan nie in „echten“ Kämpfen ausprobiert. Auch habe ich den aufrichtigen Wunsch, es auch nie anwenden zu müssen. Nicht weil ich Zweifel daran habe, dass es funktioniert. Im Gegenteil, weil ich es ernst nehme, darauf vertraue und überzeugt bin, dass es genau das tut. Wahrscheinlich sogar effizienter und präziser, als ich es mir selbst vorstellen kann.

Wenn das wirklich so sein sollte, dann möchte ich gar nicht wissen, was dann passiert…

5 Gedanken zu „Taijiquan – bitte ernst nehmen!

  1. Bernd Geyer

    „…….ich möchte gar nicht wissen, was dann passiert……….“.
    Für die meisten Taijipraktizierenden dürfte gerade dieses Wissen, das Problem sein, effektiv in ihrem „Kämpfen“ zu sein. Obwohl ein Fajin einfach funktioniert, bedarf es einer Intention es durch einen anderen hindurchzuschicken. Ich persönlich finde das einerseits sehr beruhigend, mir bleibt damit zumindest die Wahl die „Dosis“ zu bestimmen, andererseits bleibt für emphatische Wesen trotzdem ein Problem: Ich muss in Kauf nehmen den anderen zu verletzen.
    Und so meine ich auch, dass wir Taiji sehr ernst nehmen sollten – nicht zuletzt auch noch deshalb, weil es auch noch von dem anderen abhängen kann, was passiert – und darauf hoffen „es“ in unserer „friedlichen Welt“ nicht anwenden zu müssen.

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  2. Angelika (Qialance)

    „…dass die Bewegungsabläufe vom Kopf in den Körper sickern müssen…“

    Ich genieß es immer wieder, z.B. in Workshops, dass ich mir selber sagen kann: ich muss mir das nicht alles im Kopf merken. Mein Körper kann sich das merken. Quasi mein Körpergedächtnis. Und bei Bedarf wird es dann abgerufen.

    Ja, das ist auch irgendwie beänstigend, da ich die Intensität noch nicht komplett abschätzen kann. Allerdings gehe ich davon aus, dass ich nur von friedlichen Menschen umgeben bin. Aber es ist auch sehr praktisch, weil ich nämlich sehr schnell bin darin, Dinge aufzufangen, die herunterfallen 🙂

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    1. Katrin Beitragsautor

      Das stimmt! Auch ich fange inzwischen deutlich mehr Gegenstände auf, die herunterfallen. Das hat schon manchem Teller das Leben gerettet. Der Praxistest in der Küche funktioniert – zum Bedauern meines Hundes – recht zuverlässig.

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      1. Andreas (Osnabrück)

        Da kann ich zustimmen, das ist ein Effekt, den ich bei mir selbst auch beobachtet habe. Interessant zu lesen, dass andere Leute ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Das zeigt, dass der Prozess „vom Kopf in den Körper sickern“ im Gange ist. Diese Umschreibung finde ich übrigens sehr gelungen, Katrin!

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  3. Elisabeth Scholze-Mader

    Das der Körper lernt, lernen soll, betone ich auch immer im Unterricht, weise darauf hin, dass es sinvoll ist, bestimmte Anweisungen zu beachten, da sie zur Verselbständigung des Übungsablaufes führen, also dazu beitragen, „in Fluss“ zu sein.
    Das überträgt sich auf alle Bereiche des Alltags, insbesondere bemerke ich es auch im Yogaunterricht – nahezu intuitiv gestalte ich die Stunden, insbesondere wenn etwas Unvorhergesehenes beachtet werden muss……….

    Auf einem meiner Fächer sind chinesische Schriftzeichen, die für mich nur Dekoration waren, Luis Molera übersetzte es mal in einem Workshop: Der Geheimnisse des Taichi sind es viele, doch du musst üben, um sie zu verstehen………….
    Das trifft es, finde ich!

    Im Gedenken an den Meister, der viel zu früh gegangen ist,
    Elisabeth

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