Balance, die zweite – Gewackel

Die Gedanken, die ich dank der Genervtheit von Frau Förster notierte, haben weitere nach sich gezogen. Anhaltendes Nachdenken hilft, das wird heutzutage leider meist unterschätzt.

Seit ich mit dem Taijiquan (Tai Chi Chuan) angefangen habe, richte ich mich, also meinen Körper, an einer gedachten senkrechten inneren Linie aus. Diese Linie zentriert mich, ich richte mich auf, der Kopf ist in der Vorstellung „am Himmel“ aufgehängt. In dieser Position soll jede überflüssige Spannung der Muskeln losgelassen werden, um möglichst mühelos zu verweilen. So weit, so gut.

Bereits geraume Zeit störte ich mich beim Üben daran, dass ich zunehmend ein inneres „Gewackel“ feststellte. Einerseits freute ich mich, dass meine Selbstwahrnehmung nun so weit gediehen ist, dass ich diese feinen Bewegungen überhaupt bemerke. Gleichzeitig empfand ich es als frustrierend, weil ich meine Haltung als labil und instabil wahrnahm – und das schon im Stehen. Wie soll es dann erst in der Bewegung mit dem Gleichgewicht funktionieren? Trotz jahrelangen Übens kein stabiles Gleichgewicht, was für ein Ärger!

Nun, es liegt an dem Bild der Linie. Die Linie suggeriert, dass es sich um etwas Festes wie einen Stab oder Stock handelt, insbesondere, wenn ich still stehe. Da kommt das Bild von den aufgestapelten Steinen in den Sinn, das wir alle kennen und auf Postkarten und Buchdeckeln so gerne verwendet wird. So unterschiedlich die Steine sind, liegen sie doch austariert aufeinander. Die sind völlig entspannt. Diese Ruhe und Ausgeglichenheit ist es doch, die uns anzieht, nicht wahr? Wenn sie es können, warum nicht wir?

Es gibt da noch diese Kleinigkeit, die ich lange übersehen habe. Der Unterschied zwischen den Steinen und mir ist, dass ich mich ausdehne und zusammenziehe. Man nennt es auch (ein- und aus-)atmen. Wenn ich richtig informiert bin, ist es für Menschen weitgehend unerlässlich, jedenfalls bei lebenden. Durch die Atmung verändere ich meine Gestalt, also muss ich auch die (gedachte) Linie, die mich im Gleichgewicht hält, wohl oder übel dieser veränderten Gestalt anpassen. Dauernd. Es sei denn, ich verlasse die Entspannung und kompensiere die Veränderung durch Muskelkraft, also (An-)Spannung oder (Aus-)Druck.

Nun bleiben uns demnach zwei Möglichkeiten, wenn wir im Gleichgewicht bleiben wollen: Uns ganz entspannt immer und immer wieder an die neuen Gegebenheiten anpassen – oder aufhören zu atmen.

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