Taijiquan nach Huang Sheng-Shyan

Huang Sheng-Shyan (auch: Huang Xingxian) war der Lehrer meines Lehrers Wee Kee Jin. Er lebte von 1910 bis 1992. Da mir zur Zeit seines Todes nicht einmal der Begriff Tai Chi bekannt war, habe ich selbstverständlich keine eigenen Erlebnisse oder Erfahrungen mit Meister Huang machen können. Er ist mir einzig durch die Erzählungen von Jin und eigenen Recherchen bekannt.

Der Kämpfer

Begonnen hat Meister Huang seine Kampfausbildung mit Fujian White Crane, sein Lehrer war nach Jins Angaben Xie Zhong Xiang oder Xie Zhongxiang (1852 – 1930). Dieser Mensch scheint durch seine Schüler eine Verbindung zum Gōjū-Ryū-Karate-Stil begründet zu haben, doch liegt hier offenbar einiges im Dunkeln. Jedenfalls war Huang offenbar ein sehr begabter Kämpfer.

Als nach dem chinesisch-japanischen Krieg und dem anschließenden Bürgerkrieg Mao Tse-tung in der Republik China an die Macht kam, flohen viele Festland-Chinesen, auch Waishengren genannt, nach Taiwan. Unter ihnen befanden sich auch die uns heute in Taijiquan-Kreisen geläufigen Cheng Man Ching (Zheng Manqing) und Huang Sheng-Shyan.

Buchempfehlung

Wer sich für die jüngere chinesische Geschichte interessiert, aber keine Geschichtsbücher lesen mag, dem sei das Buch "Fußspuren im Schnee, Autobiografie eines buddhistischen Mönchs aus China" von Sheng Yen ans Herz gelegt. Nein, Sheng Yen (1930-2009) hat kein Taijiquan praktiziert (jedenfalls erwähnt er es nicht), er war ein Meister des Chan-Buddhismus, der uns als japanisches Zen geläufiger ist. Aus einfachsten ländlichen Verhältnissen stammend lebte er als Mönch, Soldat und Lehrer. Er beschreibt sehr persönlich und anschaulich die Auswirkungen der großen politischen und sozialen Umwälzungen im China der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch die Art des Umgangs zwischen Lehrer oder Meister und Schüler wird deutlich, das damalige Verständnis von Unterricht oder Bildung. So viel sei verraten: Es entspricht nicht immer unseren heutigen Vorstellungen.

Huang Sheng-Shyans Taijiquan

Wann und wo auch immer Huang und Cheng Man-Ch’ing einander begegneten ist mir nicht so wichtig. Die Angaben variieren zwischen 1947 und 1950. Wie es zum Taiji-Unterricht kam, wird ebenfalls unterschiedlich berichtet. Das klingt im Buch „Steal my Art, The Life and Times of T’ai Chi Master T. T. Liang“ von Stuart Alve Olson (dort als Huang Sheng Hsien bezeichnet) natürlich anders als bei Wee Kee Jin. Diese Unterschiede sind mit der üblichen chinesischen Art Geschichten zu erzählen zu erklären. Entscheidend ist, dass Huang sich offenbar ins Taiji verliebte und später in Malaysia und Singapore viele Schulen eröffnete (Huang’s Tai Chi Association) und entsprechend viele Schülerinnen und Schüler hatte.

Furore machte er, als er gegen einen wohl sehr bekannten Wrestler Namens Liao Kuang-Cheng antrat. Von diesen Kämpfen, es scheint mehrere gegeben zu haben, gibt es auf Youtube auch Filmaufnahmen. Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Die Filme zeigen kein Taijquan, sondern Wrestling. Ohne diesen Begegnungen tiefere Bedeutung zusprechen zu wollen, glaube ich, dass eine gewisse Kampfbereitschaft bei Huang auch in fortgeschrittenem Alter noch offensichtlich war.

Eine Übersicht von Filmen, auf denen Huang mit Bezug zum Taijiquan zu sehen ist, gibt es hier. Daneben gibt es einen einstündigen Film über Huangs Geschichte und sein Taijiquan, in dem viele seiner Schüler zu Wort kommen. Allerdings nur auf chinesisch, die Bilder sind trotzdem nett.

Mein Lehrer Wee Kee Jin, der am Ende des Films auch gezeigt wird, spricht oft und viel von seinem Lehrer. Er verherrlicht ihn aber nicht. Das rechne ich Jin hoch an und halte es mit ihm gerne ebenso.

3 Gedanken zu „Taijiquan nach Huang Sheng-Shyan

  1. Angelika

    Oh, das Buch über T.T. Liang habe ich gerade erst gelesen! Weißt Du auf welcher Seite das mit Huang ist?

    Und ich finde das ist ein sehr schöner Artikel über den Lehrer Deines Lehrers!

    Angelika

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    1. Katrin Beitragsautor

      Hallo Angelika,
      in Olsons Buch wird Huang auf den Seiten 76/77 erwähnt und abgebildet. Die Schreibweise seines Namens ist wieder etwas anders („Huang Sheng Hsien“ im Titel, unter der Abbildung [vermutlich irrtümlich] „Huang Hsieng Hsien“) daher hilft es, wenn einem sein Anblick schon halbwegs geläufig ist.
      Danke und viele Grüße!

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  2. Armin

    Hi Katrin,
    danke für den Literaturhinweis „Autobiografie des Sheng Yen“.
    Happy QI und fröhlichen Üben
    Armin
    Man sieht sich am 11.06./12.06 ?

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