Taijiquan in China – ein Erlebnis

Wir hatten vor einiger Zeit beruflich in China zu tun, was mich sehr freute. Dort war ich noch nie und freute mich sehr auf eigene Eindrücke.

In einer Kleinstadt mit etwa 1,2 Mio. Einwohnern im Nordosten Chinas wohnten wir in einem Hotel, das direkt an einen Park grenzt. Was für ein Glück, verspricht doch ein Park in China früh morgens einige Taijiquan-Übende zu beinhalten. Dank der Zeitverschiebung fällt es mir ausnahmsweise leicht aus dem Bett zu steigen und auf die Suche zu gehen.

Der Park ist schon eine Sache für sich. Sauber angeordnet stehen Bäume in Reih und Glied, alles in riesigem Ausmaß. Die Blumen sind nicht in Beeten, es erinnert eher an Felder. Unmengen von Blüten. Und alles ganz neu, teilweise noch im Bau befindlich. Üppig. Im Nachhinein zeigt mir der Blick auf Google, dass dort kürzlich noch einige Straßenviertel gewesen sein müssen, die offensichtlich dem Park weichen mussten.

Nach einigem Laufen finde ich sie dann. Drei Gruppen üben Tai Chi auf dem riesigen Kranich-Platz. Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte, ist der Radau, der sie umrundet.

Beispiel gefällig?

Jogger, Peitschenknaller, Klatschende in den Büschen, Radfahrer, Spaziergänger – alle Geschwindigkeiten, alle Musikrichtungen, alles durcheinander. Aus chinesischer Sicht vielleicht geradezu öde und leer, für mich aber gewöhnungsbedürftig.

Wohlan, wenn ich hier nicht entspannen kann, wo dann? Also stelle ich mich mitten auf den Platz und fange an zu üben. Es dauert gar nicht lange, bis der erste Chinese vor mir auftaucht und auf freundlich auf mich einredet. „Do you speak English?“, was für eine überflüssige Frage. Aber nur mit den Schultern zu zucken finde ich auch blöd.

Schließlich fällt mir ein, dass auf meinem T-Shirt neben dem Logo von Wee Kee Jin auch chinesische Schriftzeichen stehen. Nicht dass ich wüsste, was da steht, aber in der Not frisst der Teufel fliegen. Der Chinese studiert die Zeichen, blickt mir ins Gesicht und sagt: „tai chi chuan?“ Ich nicke. Beide Hände und zwei Daumen gehen hoch. Sichtlich zufrieden zieht er weiter, um die anderen Gruppen über seine Erkenntnisse zu informieren.

Am folgenden Tag

Am nächsten Tag komme ich wieder zum Kranichplatz, wo ich nun mit Beifall, Daumen hoch und „Hello, hello“-Rufen begrüßt werde. Es ist einfach rührend, unsere Sprachlosigkeit. Wir üben alle so vor uns hin und tun so – wie am Vortag – als würden wir einander nicht beobachten. Höchstens aus den Augenwinkeln. Doch dann kommt auf einmal die eine gesamte Gruppe (deren Tai Chi ehrlich gesagt meinem noch am ähnlichsten sah), alle auf einmal und nun reden sie auch alle zusammen auf mich ein.

Merke: Lauter zu reden ist auch in China die typische Reaktion, wenn der oder die Angesprochene nichts versteht. Dabei ist Pantomime wesentlich hilfreicher.

Am Ende kam, was kommen musste: Das gemeinsame Gruppenfoto.

Am besten hat mir letztlich an dieser Begegnung gefallen, dass wir weder Piep noch Papp miteinander sprechen konnten. Natürlich hätten wir gern miteinander geredet, logisch. Anfangs ärgerte mich auch, dass kein sprachbegabter Mensch vom Himmel fiel. Aber im Rückblick sehe ich es anders. Unsere Begegnung reduzierte sich dadurch auf die Erkenntnis, dass wir auch etwas Gemeinsames haben, was keiner Worte bedarf. Master Huang sprach von „one taiji family“, ob er dieses Gefühl gemeint hat? Für mich lautet die Antwort: ja.

 

 

 

 

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